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Meta, Manus und der Preis der Bequemlichkeit
Meta hat Ende Dezember 2025 angekündigt, das KI-Startup Manus zu übernehmen. Manus steht für eine Entwicklung, die über Chatbots hinausgeht: Agenten sollen nicht nur antworten, sondern auch Aufgaben ausführen. Genau an dieser Stelle verschiebt sich für mich die zentrale Frage. Es geht weniger darum, was KI kann. Es geht darum, wem wir Zugriff geben und wie selbstverständlich wir das inzwischen tun.
Der riskanteste Klick im digitalen Leben ist der, der sich wie Unterstützung anfühlt
Viele kennen die Situation. Man will nur schnell etwas erledigen. Dann erscheint ein Fenster, das nach Erlaubnis fragt. Zugriff auf Kalender, Dateien, Postfach und vielleicht auch auf Kontakte. Man kann ablehnen, aber dann funktioniert es oft nicht richtig oder nur noch halb richtig. Also klickt man. Nicht, weil man die Tragweite nüchtern abgewogen hat, sondern weil der Tag voll und man müde ist. Hilfe gibt es heute häufig nur gegen Zugriff.
Mit Agenten begegnet uns diese Zugriffsfrage häufiger. Der Klick wird zum Standard.
Ein Chatbot beantwortet Fragen. Ein Agent handelt. Er soll Termine abstimmen, Texte vorbereiten, Informationen zusammentragen, Abläufe anstossen, Dinge erledigen, die wir sonst selbst koordinieren müssten. Damit er das kann, braucht er Rechte. Er muss lesen dürfen, was wir vorhaben, und erkennen dürfen, was zu uns gehört. Je nützlicher ein Agent sein soll, desto tiefer muss er in unseren Kontext hinein. Das ist keine moralische Behauptung über Absichten, sondern eine funktionale Logik: Ohne Zugriff keine Hilfe.
Hier versagt unsere Intuition. Wir spüren den Unterschied zwischen einem Warnhinweis und einem Risiko. Wir spüren den Unterschied zwischen bequem und sicher, aber schlechter. Ein Klick fühlt sich leicht an. In Wirklichkeit entscheidet dieser Klick darüber, ob ein System nur neben uns steht oder in unseren Alltag eingreift.
Dass Meta sich Agentenkompetenz einkauft, ist deshalb mehr als nur ein gewöhnlicher Technologiedeal
Meta-Apps sind für viele Menschen längst zur Infrastruktur geworden.
Dort laufen Familienorganisationen, Gruppen, Arbeitsabsprachen, Freundschaften, tägliche Routinen. Wenn Agenten in solche Umgebungen integriert werden, verändert sich der Alltag nicht durch eine spektakuläre Neuerung, sondern durch eine Verschiebung im Hintergrund. Delegieren wird leichter, und was leicht wird, wird schnell normal. Was normal wird, wird irgendwann unsichtbar.
Meta hat angekündigt, die Technologie in Produkte zu integrieren. Ob das zunächst kleine Assistenzfunktionen sind oder später eine tiefere Ebene, die mitarbeitet und vorausgreift, kann man heute nicht im Detail wissen.
Was man jedoch erkennen kann, ist die Richtung: Ein Teil des Alltags, der ohnehin schon stark von Plattformlogiken geprägt ist, erhält eine zusätzliche Schicht, die mehr Kontext verwertet und mehr Handlungen übernimmt. Genau deshalb lohnt sich die Selbstprüfung, bevor die Gewohnheit entscheidet.
In der Praxis entsteht Kontext selten durch eine einzige bewusste Zustimmung
Kontext entsteht durch viele einzelne Erlaubnisse. Erst erlaubt man den Zugriff, weil es praktisch ist. Dann erlaubt man den nächsten Zugriff, weil es sonst nicht gut funktioniert. Später wirkt es normal. Irgendwann fällt es kaum noch auf. So verschiebt sich eine Grenze nicht durch eine grosse Entscheidung, sondern durch Wiederholung.
Wenn man darüber schreibt, muss man fair bleiben. Es geht nicht darum, jemanden zu verdächtigen oder Absichten zu unterstellen. Mich interessiert die Wirkung.
Wenn Reichweite und Engagement zentrale Leitgrössen sind, können Systeme oft das bevorzugen, was bindet. Polarisierende Inhalte können dadurch attraktiver wirken. Riskante Trends können sich schneller verbreiten. Diskussionen können sich zuspitzen.
Das passiert nicht zwingend, weil jemand das will, sondern weil Optimierung auf Aufmerksamkeit Nebenfolgen erzeugt, die sich schwer kontrollieren lassen.
Sobald Agenten in solchen Räumen mitlaufen, kommt eine weitere Dynamik hinzu.
Agenten helfen nicht nur, sondern priorisieren auch. Sie sortieren, schlagen vor, erinnern und lenken den Blick. Anfangs bleibt das freiwillig. Später fühlt es sich an wie Standard. Genau darin liegt eine Form von Macht, die nicht laut auftritt. Sie wirkt freundlich. Sie wirkt wie Entlastung. Sie wirkt wie Fürsorge. Und gerade deshalb wird sie selten als Macht wahrgenommen.
Besonders sensibel wird es dort, wo solche Systeme auf Minderjährige treffen
Viele Kinder und Jugendliche haben heute früh ein Smartphone. Damit sind sie Teil derselben digitalen Welt wie Erwachsene. Sie bewegen sich in denselben Feeds und Kommunikationsräumen. Wenn dort agentische Funktionen hinzukommen, gelten diese auch für Minderjährige, unabhängig davon, ob geplant oder nicht. Kinder und Jugendliche sind dabei besonders schutzbedürftig, weil sie Impulse anders regulieren, Risiken anders einschätzen und soziale Dynamiken oft stärker auf sie wirken.
Das führt zu einer unbequemen, aber fairen Frage:
Welche Bequemlichkeit ist akzeptabel, wenn Schutzinteressen Minderjähriger mit Wachstums- und Monetarisierungslogiken kollidieren können?
Ich stelle diese Frage nicht, um zu moralisieren, sondern um Klarheit zu gewinnen. Was füttern wir mit unserer Zeit? Welche Gewohnheiten normalisieren wir? Wo kippt praktisch in Gleichgültigkeit?
Wer sich diese Fragen stellt, landet zwangsläufig bei der Verantwortung
Keine Plattform kann sie uns abnehmen. Jede und jeder entscheidet, welche Werkzeuge man nutzt und wie tief man sie ins eigene Leben lässt.
Eltern tragen diese Entscheidung zusätzlich für ihre Kinder. Das klingt banal, ist aber im Alltag schwer. Man muss Grenzen setzen, Gerätezeiten verhandeln, Privatsphäre verstehen, Inhalte einordnen, Gespräche führen und Vorbild sein. Das kostet Energie. Es ist oft leichter, alles laufen zu lassen. Trotzdem kann genau diese Anstrengung der Preis für Wachheit sein.
Deshalb halte ich das für wesentlich:
Zugriff erlauben ist kein Komfortklick. Es ist eine Schlüsselübergabe. Und Schlüssel übergibt man idealerweise nicht in Müdigkeit, sondern mit klarem Kopf.
Wenn Agenten in Metas Welten einziehen, wird sich vieles angenehm anfühlen. Unterstützung ist nicht das Problem. Das Problem entsteht, wenn Unterstützung nur noch gegen Einsicht, Kontext und Zugriff zu haben ist, und wir diesen Tausch als selbstverständlich akzeptieren.
Es stellt sich die Frage: "Nutze ich diese App, diese Funktion, diesen Agenten, weil er mir dient, oder weil ich den bequemsten Weg wähle, den alle wählen?"
Gerade hier sollte man nicht entscheiden, was im Freundeskreis als normal gilt oder was die lautesten Stimmen im Technologiediskurs versprechen. Entscheidend ist, was nach eigener Reflexion und kritischem Denken standhält und welche Grenzen ich für mich und, falls ich Kinder habe, für sie setze.
Diese Standortbestimmung kann niemand delegieren. Sie gehört in die Hände derjenigen, die sie leben müssen.
Erlaube ich Zugriff, weil es wirklich nötig ist, oder weil ich mich aus Bequemlichkeit daran gewöhnt habe, nicht mehr selbst nachzudenken?
Quellen:
- Reuters (29.12.2025): Meta kündigt Übernahme von Manus an; Integration in Produkte.
- Manus Blog (29.12.2025): „Manus joins Meta“; Weiterbetrieb/Integration.
- AP oder FT (30.12.2025): Einordnung der Übernahme; ggf. Dealgrösse als Bericht.
- Manus Doku: Browser-Operator nutzt bestehende Sessions/Anmeldungen für agentische Workflows.
- JAMES Studie 2024 (ZHAW/Swisscom): Schweizer Jugend, Smartphone- und App-Nutzung.
- Optional: PNAS Nexus 2025 (Engagement Ranking) und eine Studie zu Kuratierung/Polarisierung (ScienceDirect 2023).
Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.
Hinweis zur Transparenz: Dieser Artikel entstand unter Einsatz meiner Fachkenntnisse und zur Strukturierung unterstützend durch KI. Die Vertonung erfolgte über ElevenLabs (Stimme: Eve); die englische Übersetzung sowie das Headerbild (Midjourney) wurden ebenfalls mithilfe von KI-Werkzeugen erstellt.