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Ich verlasse mich heute auf das geschriebene Wort. Nicht, um mich zu verstecken, sondern um ein Zeugnis abzulegen. Es gibt Dinge, die gesagt werden müssen, weil sie in unseren offiziellen Bildern nicht vorkommen. Ich spreche über Szenen, die sich in die Seele einbrennen, nicht bei denen, die zuschauen, sondern bei denen, die gekommen sind, um Teil dieses Ganzen zu sein, und die nun erfahren müssen:
Deine Leistung ist erwünscht, aber deine Existenz ist eine Störung.
Was ich beschreibe, ist kein Einzelschicksal. Es sind Strukturen. Es ist die Anatomie einer stillen Zerstörung, die Menschen deformiert, wenn sie lange genug wirkt.
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Unsere Führungseliten sprechen von Willkommenskultur und dem Hunger nach Talenten. Aber die Realität in den Treppenhäusern und Kantinen erzählt eine andere Geschichte. Wir erleben eine Kluft, die tiefer nicht sein könnte: zwischen dem willkommenen Arbeiter und dem unwillkommenen Menschen.
Ich habe beobachtet, wie Integration zur Sackgasse wird. Wir behandeln sie als abstraktes Problem in Statistiken, aber was auf der untersten Ebene geschieht, weit weg von den Glasfassaden der Vorstandsetagen, passiert echten Menschen. Es passiert dem Einzelnen.
Da ist die eingewanderte Fachkraft. Sie zahlt Steuern, engagiert sich und hält sich an die Regeln. Und doch reicht ein einziges Telefonat in der Muttersprache, damit die Maske der Akzeptanz fällt. Ein Blick, der wie eine Mauer wirkt: „Dein Beitrag ist willkommen. Deine Anwesenheit nicht.“
In Unternehmen beobachte ich die Mechanismen der Diskriminierung und Verleumdung. Es sind keine offenen Schnitte; es sind feine Risse, verursacht durch Andeutungen und Gerüchte. Ich habe gesehen, wie Kollegen Fehler erfinden, die nie begangen wurden, um Schritt für Schritt die Lebensgrundlage eines Menschen zu untergraben.
Da ist dieser Satz: „Geh zurück in das Land, aus dem du gekommen bist.“ Er ist ein Instrument der Ausgrenzung. Es ist der Versuch, den Menschen unsichtbar zu machen, während man seine Fachkraft behalten will.
Ich habe Biografien gesehen, die nicht in einem Moment zerbrechen, sondern peu à peu. Was bleibt, ist eine lähmende Hilflosigkeit. Die Hilflosigkeit, die entsteht, wenn ein Gerücht zum Akteneintrag wird, ein anonymer Hinweis zur Wahrheit erhoben wird und am Ende ein Satz steht, der die Existenz vernichtet.
Es trifft Menschen, die alles investiert haben. Die ihre Ersparnisse für Weiterbildung investieren, um unabhängig zu bleiben. Und ausgerechnet dort, wo sie am verletzlichsten sind – bei ihrer Sprache, ihrer Herkunft, ihrer Vereinsmitarbeit, ihrem Körper, ihrer Würde –, werden sie angegriffen. Es beginnt bei Worten, geht manchmal über in Vandalismus und Stalking im realen Leben. Das ist die psychische Gewalt, die keine Schlagzeilen macht. Sie zieht den Kreis um einen Menschen immer enger, bis er sich nicht mehr unbeschwert im öffentlichen Raum bewegen kann.
Ich habe gesehen, wie Betroffene das Gespräch suchen. Und wie sie auf Mauern aus Schweigen stossen. In den Personalabteilungen, wo Gerechtigkeit walten sollte, wird ihnen nahegelegt, selbst zu gehen. Aufklärung wird als Unruhe diffamiert.
Hier wird die Personalakte zum Instrument der Manipulation. Einträge entstehen im Verborgenen, um die Glaubwürdigkeit systematisch zu untergraben. Wer die Akten führt, bestimmt die Wahrheit. Und wer sich wehrt, bekommt zu hören, er solle „nicht so viel Wind machen“. Das ist das Signal der Normalisierung des Wegsehens.
In diesem System wirken manche Personen „unantastbar“, geschützt durch Netzwerke und Status. Wenn die Kosten der Aufklärung zu hoch scheinen, folgt das System einer zerstörerischen Logik: Man entscheidet sich gegen die Wahrheit und für die Bequemlichkeit. Man entfernt nicht die Auslöser, sondern denjenigen, der es benennt. Man schützt den eigenen Stuhl, den Bonus und lässt den Betroffenen entlassen.
Dazu gehören perfide Methoden: eingestellte Gehaltszahlungen, blockiertes Krankengeld, Gutachten von bezahlten Unternehmensgutachtern, die ein Urteil fällen, ohne den Menschen je gesehen zu haben. Die Kündigung wird zur Abkürzung, um die Unruhe zu beseitigen. Ausgerechnet die eingewanderte Fachkraft wird zur „beweglichen Grösse“.
Dabei wird die Fürsorgepflicht zur leeren Floskel. Manche Unternehmen entziehen sich ihrer Verantwortung und entscheiden sich stattdessen dafür, die menschlichen und finanziellen Kosten ihres eigenen Versagens auf die öffentlichen Sozialsysteme abzuwälzen. Wer erlebt hat, wie leicht Schutz zur Formalität wird, hört anders zu, wenn Unternehmen von „Werten“ sprechen. Das eigentliche Vertrauen entsteht nicht auf Hochglanzplakaten, sondern im Ernstfall. Wenn Organisationen in den Medien sagen: „So etwas gibt es bei uns nicht“, dann ist das Verdrängung.
Wir müssen begreifen: Wenn wir Fachkräfte anziehen wollen, brauchen wir mehr als nur Stellenanzeigen. Wir brauchen Räume für Konflikte, die tatsächlich gelöst werden. Integration ist kein Anpassungsprogramm; es ist ein beidseitiger Lernprozess.
Was heute als Fachkräftemangel diskutiert wird, ist in Wahrheit wesentlich mitbedingt durch organisatorische Kulturen, die Würde systematisch untergraben und sich anschliessend jeder Verantwortung für die Folgen entziehen.
Oft heisst es dann, dies seien bedauerliche Einzelfälle, persönliche Konflikte oder kulturelle Missverständnisse. Doch wenn sich dieselben Muster über Abteilungen, Unternehmen und Länder hinweg wiederholen, ist es kein Zufall mehr, sondern eine Struktur. Und Struktur ist eine Entscheidung.
Das Schlimmste ist das Zusehen der Instanzen. Wenn Schutzsuchende auf Misstrauen stossen. Wenn nicht die Vorwürfe untersucht werden, sondern die Seele des Meldenden. Wenn Behauptungen zur „Aktenwahrheit“ erstarren und eine bürokratische Brandmarkung erzeugen, die ein Leben lang nachwirkt.
Was wir in der Sozialstatistik sehen, ist ein „Standbild“ am Ende einer langen Kette von Ereignissen. Das System blendet den Prozess (die Ausgrenzung, die Schikane, die Sabotage) aus und präsentiert nur den Zustand (die Abhängigkeit vom Staat). Gerechtigkeit bedeutet, den Weg zur Statistik zu untersuchen, nicht nur die Zahl in der Statistik.
Viele dieser Menschen wählen am Ende die Unsichtbarkeit als einen Akt des letzten Selbstschutzes. Dieser Rückzug ist keine freie Entscheidung, sondern eine systemisch induzierte Selbstzensur; sie fallen nicht mehr auf, um nicht mehr angegriffen zu werden. Doch diese Stille ist trügerisch, denn sie kennzeichnet einen Verlust für uns alle. In dem Moment, in dem Menschen verstummen, verliert die Gesellschaft ihre wertvollsten Ressourcen: ihre Perspektiven, ihren Mut und ihre Kraft. Wir verlieren damit weit mehr als nur Arbeitskraft. Wir verlieren unsere eigene Menschlichkeit, weil wir eine Kultur zulassen, die die Existenz nur unter der Bedingung absoluter Reibungslosigkeit duldet.
Was ist uns Zugehörigkeit wirklich wert? Es offenbart einen tiefen moralischen Riss in unserem Fundament, wenn Staatsbürgerschaft für die einen an eine lückenlose, klinische Stabilität geknüpft wird – eine Perfektion, die ihnen im Alltag durch Diskriminierung und Sabotage manchmal aktiv geraubt wird –, während sie für andere käuflich ist.
Hinter jeder Fachkraft steht ein Mensch. Ein Mensch, der trotz der systematischen Zermürbung jeden Morgen aufsteht und die Kraft findet, freundlich zu bleiben. Dass dieses Schicksal oft im Verborgenen bleibt, ist kein individuelles Problem und keine private Tragödie, sondern ein dokumentiertes systemisches Versagen.
Durch jedes Schweigen, durch jedes zustimmende Nicken und durch die Normalisierung des Wegsehens. Es ist die Summe dieser kleinen Unterlassungen, die das Unrecht erst ermöglicht.
Echte Veränderung beginnt mit der unbestechlichen Anerkennung der Realität: Der Mensch neben uns ist kein funktionales Rädchen in einem ökonomischen Getriebe. Er besitzt Träume, eine unverwechselbare Geschichte und eine unantastbare Würde, die nicht am Werkstor abgegeben werden.
Sie sind der unsichtbare Mensch hinter der Fachkraft, den wir ignoriert haben, bis er im Schatten der Statistiken verschwand. Es stellt sich eine unausweichliche Frage, die uns als Gesellschaft den Spiegel vorhält:
Wie viele Menschen sind wir bereit zu verlieren, bevor wir beginnen, das System zu verändern, das sie vertreibt?
Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.
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