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Warum das Werbebudget kein neutraler Posten ist
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The Economy of Indifference
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Liebe Leserinnen und Leser, geschätzte Unternehmerinnen und Unternehmer

„Follower gewinnen“, „Conversion Rate optimieren“, „Markenbekanntheit steigern“. Das sind die Mantras mancher Branchen. Doch während wir diese Begriffe in Excel-Tabellen pflegen, findet auf der anderen Seite des Bildschirms eine andere Realität statt.

Ich beobachte seit 5 Jahren eine gefährliche Doppelmoral: Wir schalten Anzeigen auf Plattformen, die nachweislich die psychische Gesundheit untergraben und Polarisierung als Geschäftsmodell nutzen.

Es ist die grosse Ironie unserer Zeit: Wir füttern eine Maschinerie, die uns materiell satt macht, aber zwischenmenschlich aushungert. Wir finanzieren den Fortschritt eines Apparates, dessen Kollateralschaden das ist, was uns als Gesellschaft im Kern ausmacht.

Das Problem ist der Vorrang des Profits vor der Ethik. Wir wissen um die Algorithmen, die die Sucht maximieren. Wir kennen die Berichte über den unzureichenden Jugendschutz.

Ungeschwärzte Gerichtsdokumente belasten Plattform-Betreiber schwer: Interne Untersuchungen zu den Auswirkungen auf die psychische Gesundheit wurden laut Klageschriften genau dann eingestellt, als die Beweise für Schädigungen erdrückend wurden.

Wer blind auf Kennzahlen beharrt, übersieht den menschlichen Kollateralschaden.

Wenn Schweizer Marken diese Strukturen finanzieren, setzen sie ihr wertvollstes Gut aufs Spiel: das Vertrauen ihrer Kunden. Wer Profit über Ethik stellt, verliert langfristig das Recht auf Glaubwürdigkeit.

Haltung zeigt sich nicht im Warten, sondern im Handeln.

Schieben wir die Verantwortung für unsere Werte nicht auf Plattformen ab, die zu wenig oder gar nicht reagieren.

Glaubwürdigkeit ist eine Holschuld. Ja, es braucht Energie, um sich gegen den Strom zu bewegen. Ja, es braucht Mut, Reichweite gegen Rückgrat zu tauschen. Aber es braucht vor allem einen Anfang des Wandels. Die Lösung liegt darin, das Werbebudget nicht als neutralen Posten, sondern als ethisches Statement zu begreifen.

Wenn Marken sich konsequent von Kanälen zurückziehen, die Ethik gegen Klicks tauschen, ist das ein Statement. Kurzfristig kann die Kurve in der Analyse sinken. Doch die Stärke der Marke wächst.

Wir müssen verstehen: In einem System, das nur auf Kennzahlen reagiert, ist der Entzug des Kapitals unser wirksamstes Mittel, um Druck auszuüben.

Es ist das Signal dafür, dass unsere Werte nicht zum Verkauf stehen.

Ich verzichte bewusst auf das Zitieren von Studien Dritter, weil der Fokus auf unserer eigenen Verantwortung als Marktteilnehmer liegt. Das Offensichtliche bedarf keiner Quelle, sondern einer Konsequenz. Es geht um das, was wir alle tagtäglich mit eigenen Augen beobachten können.

Hören wir auf, das Unentschuldbare mit Reichweite zu rechtfertigen.

Hören wir auf, unser Budget als neutral zu betrachten. Es ist unser schärfstes Druckmittel.

Suchen wir den Anfang, auch wenn er Energie kostet.

Wer heute als Unternehmen oder als Inhaber/Unternehmer die Augen vor den Fakten verschliesst, kann morgen nicht mehr von Werten sprechen. Es ist Zeit für eine Konsequenz, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Gerade in Zeiten, in denen die Kaufkraft und das Vertrauen sinken.


 Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.


Transparenz: Vertont von R. T. Headerbild erstellt mit Canva.

Personenbezogene Bezeichnungen verstehen sich geschlechtsneutral. Die gewählte männliche Form dient allein der Lesbarkeit und schliesst alle Identitäten gleichermassen ein.