Die Freiheit der Worte: Warum wir Pioniere brauchen, keine Detektive
Welches Risiko birgt es, wenn wir Menschen nur noch als Algorithmen brandmarken?
Meine Damen und Herren, liebe Freunde des geschriebenen Wortes
In meinem Berufsleben habe ich viele Rollen ausgefüllt, darunter als zertifizierte Texterin, als Bloggerin, als Publizistin sowie, für mich neu entdeckt, im Verfassen von Reden auf Harvard-Niveau.
Und quer durch all diese Disziplinen habe ich eines gelernt: Ein guter Text ist wie ein Schiff. Es ist völlig zweitrangig, ob die Segel von Hand genäht oder mit modernen Werkzeugen gewebt wurden. Entscheidend ist, ob das Schiff den Ozean überquert und sicher im Herzen des Lesers ankommt.
Doch was wir gerade auf Plattformen wie LinkedIn sehen, ist unschön.
Die Geisterjagd auf die KI. Auf der einen Seite stehen Menschen, die Texte nicht mehr lesen, um sich inspirieren zu lassen, sondern um sie zu sezieren. Sie suchen krampfhaft nach Beweisen für Künstliche Intelligenz. Finden sie eine Alliteration oder eine starke rhetorische Figur, schreiben sie: „Woran ich KI-Texte erkenne."
Das erinnert mich an die frühen Entdecker …
… die an den Rand ihrer Landkarten schrieben: „Hier wohnen Drachen“. Sie hatten Angst vor allem, was nicht in ihr bisheriges Raster passte. Aber wären wir jemals in See gestochen, hätten wir auf jene gehört, die das Unbekannte sofort als Gefahr oder „falsch“ markiert haben?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt Bereiche – in der Wissenschaft, in der Justiz oder in offiziellen Berichten –, in denen es unerlässlich ist zu wissen, woher eine Information stammt. Dort ist Transparenz eine Frage der Integrität. Aber diese Texte sind heute nicht mein Thema.
Mir geht es um das kreative Schreiben. Um Texte, die bewegen wollen, ob im Blog, in der Werbung oder in der Glosse. Hier nutzen wir alle modernen Werkzeuge, um unsere Gedanken zu ordnen oder präziser zu formulieren.
Das ist ein Fortschritt. Es ist die Suche nach dem „KI-Geist“ in Texten, die mit Verstand und Leidenschaft geschrieben wurden, die vielen Autor-Pionieren heute den Mut nimmt, überhaupt noch etwas Neues zu wagen.
Wer die hohe Kunst des Schreibens beherrscht, nutzt das gesamte Repertoire.
Nur weil eine KI solche starken, lebendigen rhetorischen Momente in der Sprache einfach produzieren kann – ohne sie besonders zu würdigen oder zu vermeiden –, heisst das noch lange nicht, dass ein Mensch, der sie mit Leidenschaft einbaut, plötzlich verdächtig wäre.
Niemand mag es, öffentlich gebrandmarkt zu werden, nur weil er die Sprache liebt und beherrscht.
Auch der Duden ist kein Gesetzbuch aus Stein, sondern das Logbuch unserer Reise. Er wird ständig überarbeitet, weil wir Pioniere der Sprache neues Terrain betreten.
Regeln sind Leitplanken, die uns Sicherheit geben, aber sie dürfen niemals zu Mauern werden, die uns den Mut zum Ausdruck nehmen.
Mein abschliessender Gedanke ist. Lassen wir das Suchen nach Fehlern und fangen wir wieder an, nach Resonanz zu suchen. Ein Text ist kein forensisches Beweisstück. Er ist eine Brücke von Mensch zu Mensch.
Schaut euch die Grossen Autoren an. Mark Twain, der mit zwölf die Schule verliess und als Mississippi-Lotse und Goldgräber lebte. Kein Schreibstudium, aber unvergessliche Geschichten, die bis heute nachhallen.
Ernest Hemingway, der das College sausen liess und direkt als Reporter startete, purer Stil aus dem echten Leben.
Jane Austen, die nie eine Universität von innen sah und doch die schärfsten Gesellschaftsporträts schrieb.
Franz Kafka, der tagsüber Versicherungen bearbeitete und nachts Welten erschuf, die uns bis heute den Schlaf rauben.
Oder Wolfgang Hilbig, der als Heizer im Russ der DDR-Industrie schrieb, weil er schreiben musste, ein Autodidakt, der aus dem Kesselhaus heraus Weltliteratur schuf.
Sie alle beweisen: Wahre Literatur braucht keine starren Regeln oder ein Diplom, sondern Leben. Und den Mut, es niederzuschreiben.
Haben wir den Mut, unperfekt zu sein. Haben wir den Mut, unseren Geist und bekannte stilistische Mittel souverän zu nutzen. Und haben wir vor allem die Grösse, einander nicht mit dem Finger zu belehren, sondern mit dem Herzen zuzuhören.
Niemand wird sich an die Texte erinnern, die alle Regeln befolgt haben. Menschen werden sich an die Texte erinnern, die uns berührt haben, und das ist eine Kunst, die kein Algorithmus jemals ersetzen wird.
Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Autorin verfasst. Um die Barrierefreiheit zu erhöhen und Ihnen das Zuhören zu ermöglichen, wurde dieser Text mithilfe von KI vertont. Ich betrachte die Technik als modernes Werkzeug, um die Brücke zwischen Wort und dem Leser oder, in diesem Fall, dem Hörer zu bauen.