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Obsidian als lokale und creditsfreie Lsung
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Obsidian as a local mind mapping tool
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Nach fünf Jahren intensiver Nutzung künstlicher Intelligenz ist die Zeit der Euphorie einer notwendigen Ernüchterung gewichen. Wir stehen an einem Wendepunkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir Architekten unseres Wissens bleiben oder lediglich Mieter auf den Plattformen globaler Software-Konzerne.

Meine Konsequenz aus dieser Entwicklung ist die Migration meiner Mindmaps in eine lokale Umgebung wie Obsidian.


Was ist Obsidian?

Obsidian.md ist eine beliebte Wissensmanagement- und Notiz-App, die auf lokalen Markdown-Dateien basiert. 

  • Zweites Gehirn: Obsidian hilft, Notizen mithilfe interner Verlinkungen wie ein Netz (Zettelkasten-Prinzip) zu verbinden.
  • Datenschutz: Die Dateien liegen direkt auf dem eigenen Computer, nicht zwingend in der Cloud.
  • Anpassbarkeit: Durch Plugins und Themes lässt sich die App individuell gestalten.

Die psychologische Falle der "Creditisierung"

Bildausschnitt aus EDrawMind online Ressourcen

Tools wie EdrawMind illustrieren den aktuellen Trend der Branche: die Kopplung von Basisfunktionen an ein intransparentes System aus KI-Credits. Was als „AI-Powered Productivity“ vermarktet wird, entpuppt sich als „Creditisierung" des Denkprozesses.

Wenn jede strukturelle Änderung an einer Mindmap eine Abbuchung zur Folge hat, entsteht eine Hemmschwelle. Ein freier intellektueller Prozess ist jedoch nicht mit einem Taxameter vereinbar. Wer sein Denken "creditisiert", gefährdet die Spontaneität seiner Analyse.

Obsidian setzt hier den notwendigen Kontrapunkt:

„Your thoughts are yours.“

Es gibt keinen Zähler und keine künstliche Verknappung der eigenen Produktivität.

Die Faktenlage: Wo wohnen unsere Gedanken?

Der Fairness halber betrachte ich die Architektur von Anbietern wie EdrawMind (Wondershare) differenziert. Zwar erlaubt die Desktop-Version eine lokale Speicherung, doch die Nutzung der Cloud-Features verschiebt die Souveränität:

  • Infrastruktur: EdrawMind Online nutzt ausschliesslich AWS-Server. Da Wondershare in Shenzhen ansässig ist, werden die Daten global optimiert gespeichert – häufig in den USA oder in Asien –, sofern keine spezifischen EU-Garantien vorliegen.
  • Das Risiko der „Convenience“: Während Enterprise-Kunden Private-Cloud-Optionen buchen können, bleibt der normale Nutzer im Standard-Modell der Public Cloud gefangen. Wer KI-Funktionen aktiviert, schickt seine Daten auf eine Reise über globale Serverstandorte, deren geopolitische Sicherheit kaum garantiert werden kann.

Doch nicht nur die Souveränität über den Standort schwindet, sondern auch die Gewissheit über die reine Verfügbarkeit erweist sich als fragil.

Das Ende der „ewig verfügbaren“ Cloud

Die Annahme einer stets verfügbaren Cloud wurde in jüngerer Zeit durch Störungen erschüttert.

Wir können uns nicht länger auf eine unsichtbare Infrastruktur verlassen:

  • Zentrale Ausfälle: Cloudflare, ein Rückgrat des modernen Internets, verzeichnete im Jahr 2025 signifikante Ausfälle (z. B. am 18. November und am 5. Dezember), die weltweit Dienste lahmlegten.
  • Instabile Giganten: Auch AWS litt im Oktober 2025 unter Instabilitäten, was die Verwundbarkeit zentralisierter Systeme unterstreicht.
  • Die Energiekrise: Der enorme Energiebedarf durch KI-Rechenzentren führt zu globalen Unsicherheiten in der Energieversorgung und zwingt Betreiber zu immer riskanteren Strategien. Sie reaktivieren stillgelegte Kernkraftwerke oder bauen eigene Inselnetze, was die lokale Versorgungssicherheit gefährdet. Für den Endnutzer bedeutet dies ein neues Risiko der Instabilität: In Zeiten von Stromknappheit sind Rechenzentren die ersten Kandidaten für Lastabwürfe.
Wir zahlen mit unseren Credits nicht nur für die KI-Leistung, sondern finanzieren mit jedem Klick auch den enormen Ressourcenverbrauch der Rechenzentren.

Resilienz durch Obsidian: Lokal arbeiten, gezielt publizieren

Bildausschnitt aus Obsidian: Mindmap AI-Tools

Obsidian bietet einen anderen Ansatz: „Your knowledge should last.“ Durch die Speicherung in offenen Formaten (Markdown) auf dem eigenen Gerät wird Wissen krisenfest.

Bildausschnitt aus Obsidian, Einstellungen, Erweiterung

Meinen Workflow trenne ich zwischen der Erstellung und der Präsentation. Mit Obsidian und der Erweiterung „Enhancing Mindmap“ (Version 0.2.5) erstelle ich die Mindmaps lokal, „creditsfrei“, offline-fähig und sicher.

EdrawMind dient mir als temporäre „Galerie“ für Mindmaps, die ich veröffentlichen, in meine Website einbetten, in ein anderes Format konvertieren oder in ein anderes Mindmodell umändern möchte. Sonst bleiben die Mindmaps mit externen und internen Verlinkungen lokal in meiner Mindmap-Vault.

Freiheit als Akt der Souveränität

René Descartes, französischer Philosoph und Mathematiker

In Discours de la méthode von 1637 argumentierte René Descartes, französischer Philosoph und Mathematiker:

Je pense, donc je suis“

Dieser Satz "Ich denke, also bin ich" ist das Ergebnis seines methodischen Zweifels. Descartes wollte alles Wissen hinterfragen, bis er auf einen unerschütterlichen Kern stiess: Selbst wenn er an allem zweifelt, kann er nicht daran zweifeln, dass er gerade zweifelt (also denkt). Und wer denkt, muss existieren. 

In der digitalen Welt von 2026 könnte ich es so beschreiben: „Ich besitze meine Daten, also bin ich souverän.“

Dabei geht es nicht um eine pauschale Verurteilung von Cloud-Anbietern; diese haben lediglich auf den Bedarf an schneller Konnektivität reagiert.

Doch wir müssen kritisch hinterfragen, wo diese Technologie sinnvoll ist und wo sie unsere intellektuelle Substanz gefährdet. Während Cloud-Dienste als reine Infrastruktur nützlich bleiben, stösst die cloudbasierte KI in geisteswissenschaftlichen Tätigkeiten an eine rote Linie.

Brainstorming und die Suche nach Lösungen dürfen nicht verarmen, indem wir den kognitiven Prozess an einen Algorithmus delegieren, der bei jedem Schritt „Credits“ einfordert.

Ich nutze KI weiterhin als spezialisierte Dienstleistung für Prio-1-Aufgaben. Aber mein Wissensfundament gehört in mein Büro. Dank lokaler Tools wie Obsidian und der Erweiterung Enhancing Mindmap bleibt die KI ein Gast an meinem Tisch. Die Cloud-Plattformen nutze ich nur noch als Showroom für die Publikation, aber die Hoheit über meine Wissensarchitektur bleibt in meinen Händen.

Mit diesem Beitrag möchte ich das Bewusstsein dafür wecken, dass wir die Rückkehr zur Datensouveränität nicht länger auf die lange Bank schieben dürfen. Es ist auch wichtig, unsere kognitive Unabhängigkeit zu schützen und die Stabilität unserer Wissensarbeit nicht den globalen Serverfarmen zu überlassen.


Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.


Bildquellen:

  • Bildausschnitte aus den Apps: EdrawMind und Obsidian.
  • Jan Baptist Weenix, Porträt von René Descartes (ca. 1647–1649), via Picryl (Public Domain).
  • Headerbild: umgesetzt mit Canva.

Transparenz: Der Artikel wurde mit KI-Technologie vertont.