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Wir haben nur vierundzwanzig Stunden täglich

Goethes Satz über die Natur als Korrektiv in einer Zeit des Dauerlernens.

Ein Mann riecht an einem Blatt, sinnbildlich für Goethes Zitat.

Inhaltsverzeichnis

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Wir haben nur 24 Stunden taeglich
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We only have twenty four hours a day
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Das Glas Wasser ist warm geworden. Es steht zwischen der Tastatur und dem Bildschirm. Daneben liegt mein Kalender, den ich auch für die wichtigsten Notizen des Tages verwende. Im Browser sind zu viele Tabs offen, als müsste ich alles gleichzeitig halten, damit nichts entwischt. Kursmodule als To-do-Liste, Mindmaps, weil ich mich sonst verliere. Sheets, um die Kosten im Blick zu behalten. Die Hand zur Maus. Nur noch dieses Kapitel. Nur noch kurz einen Blick in die Community bei Skool. Nur noch kurz überprüft: Welche Neuerungen gibt es in meinen KI-Tools? Als wäre irgendwo eine unsichtbare Prüfung.

„Ich kenne dieses Gefühl in mir so gut – dieses innere Feuer, das einfach nie Ruhe gibt. Schon morgens nach dem Aufstehen spüre ich diese Anspannung. Da ist sofort dieser Gedanke: Tu erst mal was für deinen Körper. Wenn ich das erledigt habe und mich an den Rechner setze, merke ich oft, dass mein Körper schneller ist als mein Kopf. Der Atem wird flach, ich bin angespannt auf eine Weise, die ich früher nicht kannte. Das fühlt sich dann nicht mehr nach echter Arbeit oder Lernen an, sondern eher wie ein Überleben im Denkmodus.

Wenn ich dann mit der KI arbeite, heisst es oft: warten.

Und nach dem nächsten Schritt wieder warten. Mein Knie wippt dann so schnell, wie man es bei Leuten sieht, die ungeduldig auf den Bus warten. Um die Zeit zu nutzen, trete ich unter dem Schreibtisch in die Pedale meines Desk-Bikes. Im Kopf habe ich dabei schon die nächsten zehn Pfade, die ich gleich gehen will, voller Mindmaps und To-dos. Zwischendurch speichere ich jeden guten Prompt akribisch in Obsidian. Am nächsten Morgen startet mein Browser dann wieder mit all den Tabs vom Vortag, weil ich in diesen Fenstern noch etwas erledigen möchte. Manchmal denke ich kurz: Ich hab mehr Memory-Power als die KI, nämlich immer dann, wenn sie nach ein paar Sätzen schon wieder vergisst, was ich ganz am Anfang gesagt habe.

Egal, ob wir angestellt sind oder selbstständig sind: Wir tragen alle eine Verantwortung.

Wir sind in Communitys unterwegs, auf LinkedIn oder Mastodon, immer neugierig auf das nächste Tool oder die neueste Methode. Aber am Ende des Tages sind eben auch das Privatleben und der Haushalt da. Nach so einem langen Tag im Sitzen tut es einfach gut, sich endlich wieder richtig zu bewegen und sich lebendig zu fühlen.

Ich konzentriere mich heute lieber auf das, was wirklich machbar ist. Welche Spuren möchte ich eigentlich hinterlassen? Wo will ich meine Energie wirklich reinstecken? Was kann ich mir an Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt erlauben? Auf eine reine Show habe ich keine Lust mehr. Je älter ich werde, desto klarer wird mir:

Wir haben alle nur diese vierundzwanzig Stunden und dieses eine Leben.

In diesem Klima taucht ein Zitat in einem Epoch-Time-Newsletter auf:

„Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Blättern grossen Inhalt bietet." Johann Wolfgang von Goethe

E-Mail-Posteingang

Ich lese es poetisch und verstehe es als Lösung.

Getrieben von anderen Getriebenen

Die KI-Szene hat ihre eigene Nervosität entwickelt. Kurse, Communitys, Newsletter, die täglich im E-Mail-Posteingang ankommen. Updates wie Wetterberichte. Neue KI-Modelle spülen alte Gewissheiten weg. Wer mitreden will, muss dranbleiben. Wer liefert, wirkt relevant. Wer nachfragt und kritisch denkt, wird leise, weil nur wenige KI-Experten kritische Stimmen schätzen.

Ich beobachte das in den Gruppen auf Social-Media-Plattformen: Menschen sind belehrend geworden, Ego-Marketing nimmt überhand und der echte Austausch verschwindet hinter Posts, die mit dem Zeigefinger beginnen.

Das Lernen verändert sich dadurch. Wissen sammelt sich an, aber die innere Anspannung wächst mit. Jede neue Fähigkeit schafft eine neue Vergleichsfläche, und optimierte Abläufe erhöhen oft nur die Erwartungshaltung. Auch das Denken passt sich an; es lernt, nach Nutzen und Output zu suchen. „Fertig“ ist ein Zustand, der sich kaum noch einstellt. Die Kompetenz wächst, während die Ruhe schwindet.

In der Natur sehe ich dagegen andere Gesetze

Wenn ich an den See oder in den Wald gehe, spüre ich den Wind an den Wangen und an der Nasenspitze. Ich rieche das Gras, die Blätter, manchmal den Seeduft. Ich geniesse die Sonnenstrahlen, auch im Winter. Mir gefällt es, wenn das Sonnenlicht durch die Eiszapfen glitzert.

Morgens liebe ich den Nebel über dem Wasser, wie er weiterzieht. Den Schnee, der alles in ein weicheres Gesamtkonzept hüllt. Die Natur gibt mir Ruhe und schenkt mir so einen Kurzurlaub. Es mag kitschig klingen, aber es erdet mich.

In der Natur zählt Wirkung. Die Kälte, wenn sie in die Nasenspitze und die Wangen beisst, sagt mehr als hundert Kommentare über das Wetter. Ein Vogelruf trägt keine Agenda und erfüllt mein Herz. Ein Blatt in der Hand erzählt seine Geschichte: Adern wie Landkarten, Frassspuren als Zeichen des Lebens und Risse als Protokoll der Zeit.

Goethes Satz wird hier konkret. Ein Blatt verlangt Präsenz. Es fordert, dass der Blick bei einer Sache verweilt. Die Natur bietet das auf jedem Blatt, im doppelten Sinn. Wer in der Fauna und Flora mit Aufmerksamkeit hinschaut, findet Muster und Übergänge, Gesetzmässigkeiten und deren Ausnahmen.

Hier übe ich eine Form der Aufmerksamkeit, die am Bildschirm verkümmert: die sinnliche Wahrnehmung. Was raschelt da im Gebüsch? Woher kommt das Geräusch? Wie verändert sich das Licht zwischen den Ästen? Diese einfachen Fragen sind eine Schule. Sie führen in einen Zustand, der hellwach und ruhig ist. Der Kopf ist klar, und der Körper entspannt sich.

Wenn das Lernen zur Endlosschleife wird, schrumpfen die Zwischenräume.

Stille wird selten. Geduld wird teuer. Die Aufmerksamkeit teilt sich: ein Teil beim Gesprächspartner, ein Teil beim nächsten Tool, ein Teil beim übernächsten Schritt.

Wo ist die Auszeit für unseren Geist, das Innehalten, um unseren eigenen Gedanken Aufmerksamkeit zu schenken, wie dem Blatt in der Natur?

Erschöpfung, fehlende Klarheit und eine Rhetorik, die sarkastischer und angriffslustiger wird. Gespräche drehen schneller ins Strategische, Staunen verliert an Bedeutung und Fragen wirken wie Zeitverschwendung. Die Folge ist paradox: mehr Wissen bei weniger Klarheit, mehr Optionen bei weniger Ruhe.

Kleine Rituale für das Wesentliche.

Eine Gegenbewegung braucht keine grossen Entscheidungen. Sie braucht kleine Rituale, die sich wiederholen.

Nach der Bildschirmarbeit zehn Minuten lang rausgehen, um Licht und Luft zu suchen. Abends einen Satz formulieren über ein konkretes Detail, das einem in der sinnlichen Welt aufgefallen ist – eine Farbe, ein Geruch oder ein Tier. Das trainiert die Präsenz.

Auch Arbeitszeiten brauchen bewusste Kapitel: Notizen schliessen, Wasser trinken und das Fenster öffnen. Das Gehirn lernt so, dass etwas endet.

Viele sammeln digitale Tools, als könnten sie vor Unsicherheit schützen, doch weniger davon schaffen Raum und Rituale, die Halt bieten. Das funktioniert aber nur, wenn die Entscheidung bewusst fällt.

Deshalb fiel meine Entscheidung, nach 5 Jahren Beobachtung des KI-Marktes, in dem ich selbst unterwegs war und situativ noch bin, mich auf die Beratung zu konzentrieren, meine Kernkompetenz. Mein KI-Hochschulstudium nutze ich als Werkzeug zur Einordnung, da aus meiner Sicht eine KI-Beratung den überhitzten Markt im Griff haben muss. Das halte ich aktuell für mich als Inhaberin mit all meinen Funktionen nicht für realistisch.

Für mein Business benötige ich keine Automatisierung. Ich habe mich 4 Monate intensiv damit beschäftigt. Automatisierung macht aus meiner Sicht nur Sinn in der Robotik, Lagerlogistik und im E-Commerce. Mein Einblick war tief und was ich noch für unsicher halte, sind die brüchigen Workflows sowie die Blackbox. Will ich Abläufe in eine Blackbox geben, nein. Ich verwende KI, um Muster zu erkennen und Gedanken zu schärfen.

Was bleibt

Künstliche Intelligenz bleibt ein faszinierendes Werkzeug. Wer sich damit beschäftigt, erweitert seine Möglichkeiten. Aber diese Zeit verlangt auch: Grenzen zu setzen.

Goethes Satz führt zu einer Erkenntnis, die in der Beschleunigung leicht übersehen wird. Echtes Lernen mit KI bedeutet für mich, sich gegen die Flut der Fast-Food-Kompetenz zu entscheiden. Wir können oberflächlich über alles sprechen, ohne tief verwurzelt zu sein. Deshalb nutze ich die KI als Mikroskop, nicht als Autopiloten. Sie hilft mir, Muster zu erkennen, die ich allein übersehen würde.

Aber das Staunen, die menschliche Einordnung und die ethische Bewertung – das ist das Verweilen, dazu ist die generative KI nicht fähig. Die Pause zwischen meinem Prompt und der Antwort ist für mich der Ort der Erkenntnis. Ich nutze die Pause, um innezuhalten. Was macht die Frage mit mir? Warum ist mir dieses Detail wichtig? Hier wird aus Information echte Bildung, und es ist ein zutiefst menschlicher Akt, der sich nicht automatisieren lässt.

Was ich heute in der Beratung einbringe, ist eine geschärfte Wahrnehmung, die oft Jahre vorausgreift. Heute erreichen mich E-Mails von Menschen, die erst jetzt – Jahrzehnte später – die volle Tragweite dessen erkennen, was wir damals besprochen haben. Diese Fähigkeit, latente Muster und menschliche Absichten zu lesen, bevor sie offensichtlich werden. Sie ist das Resultat einer Biografie, die mich durch mehrfache Auswanderungen und tiefgreifende Krisen gezwungen hat, genau hinzusehen, wo andere wegschauen oder sogar bewusst Hilfe verweigern, die menschlich gewesen wäre.

Diese Lebenserfahrung ist mein eigentliches Analysewerkzeug. Sie erlaubt mir eine Klarheit, die keine KI und kein standardisierter Prozess bieten kann. Ich nenne es eine Aufmerksamkeit, die dort verweilt, wo andere nur scannen. Für Entscheider bedeutet das: Ich sehe nicht nur die Daten, ich sehe die Absicht und die Konsequenz dahinter. Verantwortung ist mein Beitrag.

Wer der Natur wieder Zeit schenkt, kehrt mit einem ruhigeren Geist zurück – bereit, die Komplexität der Welt nicht nur auszuhalten, sondern zu gestalten.

Darin liegt die eigentliche Modernität Goethes Satzes: Er beschreibt eine Quelle, die jede technologische Revolution überdauert.

Wahre Erkenntnis lässt sich weder erzwingen noch berechnen. Sie beginnt genau dort, wo die Aufmerksamkeit wieder dem Leben gehört. Es ist die Rückkehr zum Wesentlichen – der einzige Ort, an dem wirklicher Fortschritt entsteht.


Manuela Frenzel ist unabhängige Publizistin für Technologie und Gesellschaft.

Hinweis zur Transparenz: Die Vertonung erfolgte über ElevenLabs (Stimme: Eve); die Struktur des Artikels, die englische Übersetzung sowie das Headerbild (Midjourney) wurden ebenfalls mithilfe von KI-Werkzeugen erstellt.

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